Broder vs Kramer – Holocaustgedenken und sonstige Bedenken
31. Januar 2009 | Von quadraturacirculi | Kategorie: PolitikAn Henryk M. Broder scheiden sich die Geister.
Für mich ist es immer wieder ein Vergnügen, die erfrischenden Beiträge von Broder zu lesen, in denen recht häufig die Abstufung zwischen Humor und Zynismus verwischt wird, als wäre sie nicht verhanden. Während man eben noch mit einem Schmunzeln oder zumindest einem latenten Grinsen liest, stockt einem bei dem nächsten Wort der Atem und man ist schon beinahe dazu geneigt, in pawlowscher Manier nach links und rechts zu sehen. Gottseidank hat diese Worte “dann ein Jude” geschrieben.
In einem offenen Brief, veröffentlicht im Spon, hat sich Broder die Tage an den Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, gewandt. Hintergrund ist der Boykott der Holocaustgedenkveranstaltung durch den Zentralrat der Juden. Begründet wurde dieser Boykott damit, dass die Vertreter des Zentralrates niemals namentlich begrüßt worden seien.
Als ich diese “Stellungnahme” gehört habe, fand ich sie lächerlich und habe sie beiseite geschoben. Bei einer Gedenkveranstaltung wird an die Opfer gedacht und sie soll richtigerweise auch eine mahnende Wirkung haben; einen Affront in der nicht namentlichen Begrüßung konnte ich nicht entdecken.
Broder hat in der ihm eigenen Art die Dinge auf den Punkt gebracht. So schreibt er in dem offenen Brief an Kramer:
Die schlechte Nachricht ist Deine Begründung für die Nichtteilnahme der Vertreter des Zentralrates an der diesjährigen Holocaust-Feier. Als Grund hast Du die Erfahrungen der letzten Jahre angeführt: Die Vertreter des Zentralrats, die auf der Zuschauertribüne Platz genommen hatten, seien nie persönlich begrüßt worden. Ja, das ist in der Tat eine Kränkung, die man nicht hinnehmen kann. Sogar meine Mutter, die irgendwann im Jahre 1944 in Auschwitz ankam, ist persönlich begrüßt worden. Weniger kann man auch im Jahre 64 nach der Befreiung nicht erwarten.Sag mal Stephan, wie lange hast du an dieser Begründung gearbeitet und gefeilt? Hast du zwischendurch gekichert oder laut aufgelacht? Ist es Dir bewusst, dass du eine wunderbare Pointe produziert hast, einen “sick joke”, mit dem Du die Brücke von der Tragödie zur Farce schlägst?
Recht makaber, der Vergleich, oder?
Sucht man nach Synonymen für makaber, dann findet man “düster, totenähnlich, schauerlich, unheimlich, grotesk”. Ich gebe allerdings zu, dass ich die Suche nicht allzusehr ausgedehnt habe, da sie nicht Gegenstand dieses Beitrages werden sollen. Es war nur die “eigene” Hinterfragung der Bezeichnung makaber.
Was ist düsterer, schauerlicherer und unheimlicherer? Der Einwurf von Broder oder dass sich der Zentralrat der Juden einer Veranstaltung verschließt, die ein Gedenken an die Opfer ist. Meine Generation kann und muß sich unter dem “Begriff” Holocaust leider noch etwas vorstellen. Wie weit ist aber der Begriff in den Köpfen von 6 Millionen ermordeten Juden entfernt?
Und im Hinblick genau hierauf ist der Zentralrat der Juden pikiert, dass man nicht persönlich gewürdigt wird?
Broder bringt es aber ein weiteres mal auf den Punkt:
Ich habe nie verstanden, warum die Vertreter des Zentralrates landauf, landab an jeder Gedenkfeier teilnehmen, sei es die Einweihung des überflüssigsten Mega-Mahnmals aller Zeiten in Berlin, sei es eine Gedenkstunde im Bundestag oder irgendeine Feier in der Provinz zur Erinnerung an das gute Verhältnis zwischen christlichen und jüdischen Viehhändlern. Wäre der Zentralrat nicht eine Interessenvertretung der Juden, sondern eine Firma, bei der man Juden für alle möglichen Anlässe buchen kann (“Rent A Jew”), wäre so ein Verhalten normal. Anormal aber ist, wenn sich Juden als Therapeuten anbieten, um den Nichtjuden bei der Bewältigung ihrer Holocaust-Traumata zu helfen.“Jetzt seid ihr dran. Nun macht mal schön”
Wenn die Nachkommen der Täter an die Opfer des Holocaust erinnern wollen, dann ist das sehr ehrenwert. Es spricht für “die Deutschen”, dass sie sich mit ihrer Geschichte mehr auseinandersetzen als jedes andere Volk in Europa. Aber sie haben auch mehr Anlass dazu. “Die Juden” haben ihren Beitrag zum Holocaust bereits geleistet. Sie könnten sich ganz entspannt zurücklehnen und sagen: “Jetzt seid ihr dran. Nun macht mal schön.”
Dies auf den Punkt gebracht sagt doch alles aus: Es besteht kein Anwesenheitszwang an Gedenkveranstaltungen. Man muß ein solches Fernbleiben noch nicht mal begründen. Eine abgegebene Begründung sollte allerdings weniger lächerlich sein.
Ohnehin stellt sich die Frage, was der Zentralrat der Juden in der letzten Zeit so macht. Auf der verlinkten Seite des Zentralrats findet sich ein Artikel mit der Überschrift: “Unsere Solidarität mit Israel”.
Wo waren denn die Proteste, als die Polizei in Duisburg eine Israelfahne entfernt hat? Dieses Video zur Auffrischung:
Dies war die Stellungnahme in den Medien,
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat das Verhalten der Polizei bei der Duisburger Demonstration gegen den israelischen Militäreinsatz in Gaza scharf kritisiert. »Offensichtlich steht das Recht auf Demonstrationsfreiheit nur einer Seite zu, offensichtlich bestimmen jetzt potenzielle Gewalttäter das Maß der Meinungsfreiheit in Deutschland«, sagte der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, der in Essen erscheinenden “Neuen Rhein/Ruhr Zeitung”
eine “scharfe Kritik” sozusagen. Hier und genau hier wäre es an der Zeit gewesen, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, stattdessen hat man die kramersche Hasenpfote benutzt.
Dann lob ich mir einen Broder, der die Sachen auf den Punkt bringt. Und wer ihn nicht mag, der soll halt in die Küche gehen und sich Spaghetti aglio machen.
Mehr von Broder hier: Achse des Guten





