Ralph Giordano – Erinnerungen eines Davongekommenen

5. Februar 2009 | Von quadraturacirculi | Kategorie: Medien

Ralph Giordano hat in den letzten Wochen weniger als Journalist und Schriftsteller Schlagzeilen gemacht, sondern als Gegner des Baus einer weiteren Moschee in Köln. Mit großer Spannung habe ich so sein Buch “Erinnerungen eines Davongekommenen” gelesen.

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(Erinnerungen eines Davongekommenen, Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04003-6)

Der Eintrag, den das Buch hinterläßt, ist vielschichtig. Bestürzung und Erschütterung über die Geschichte von Giordano während der NS-Zeit. Verwunderung und Ablehnung bezüglich der Verklärung der Zustände um den Irankrieg.

Kurz zum Inhalt laut Inhaltsangabe:

Dass er als Sohn einer jüdischen Mutter davonkommen würde, war unwahrscheinlich. Wie er dennoch davonkam, und das immer wieder, darüber legt der Journalist, Fernsehautor und Schriftsteller Ralph Giordano Zeugnis ab – engagiert und kämpferisch wie eh und je. Hier wird ein Zeitalter besichtigt, widerspiegelt in der Biographie eines Mannes von unerschöpflicher Kreativiät. Wir werden Zeugen, wie der Schwur, Deutschland zu verlassen, allmählich dahinschmilzt und der Verfolgte von einst Anteilnahme empfindet für Menschen, die in den bedrohtesten Jahren seines Lebens auf der anderen Seite gestanden haben. Und wie er hartnäckig um ein schwer erreichbares Ziel kämpft – Zugehörigkeit.

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Bild: DPA

In fünf Leben teilt Ralph Giordano seine Autobiographie, als ginge er in einem langen Gebäude von Saal zu Saal, und das deutlich gegliederte äußere Bild scheint ihm recht zu geben: An eine unbeschwerte Hamburger Kindheit („Elysium”) schließt sich die Zeit der Verfolgung als Halbjude („Hiob”) an, daran die Nachkriegszeit samt seiner langen Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei („Irrtum und zweite Schuld”), dann folgt seine Tätigkeit als Reporter des westdeutschen Fernsehens, die ihn über den ganzen Globus führt, („Fasten your seatbelt”) und schließlich das Alter, das er nicht als Abenddämmerung erlebt, sondern in dem ihm die wahre Befreiung seiner produktiven Kräfte widerfährt („Der Kreative Kreisel”).

Zunächst beschreibt Giordano, wie er den aufkommenden Nationalsozialismus erlebt hat:

Der 30. Januar 1933 war noch spurlos an mir vorbeigegangen, wie auch der Reichstagsbrand vom 27. Februar und der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April. Nur wenig später aber wurde das Dritte Reich Adolf Hitlers für mich spürbar – am Antrittstag auf dem Johanneum. ‘Hie Arier – hie Nichtarier’, wurde da befohlen. Worauf sich die Klasse in zwei ungleiche Gruppen teilte, eine kleinere und eine größere.

Da mein Bruder und ich mit der Frage nicht das geringste anzufangen wussten, gesellten wir uns dem größeren Teil der Mitschüler zu, etwa dreißig, während der kleinere nicht mehr zählte als Finger an einer Hand.

Am Nachmittag wurden wir dann von den Eltern belehrt, dass wir zu der kleineren Gruppe gehörten. Ich erinnere mich an keine Beunruhigung von Vater und Mutter, Stirnrunzeln vielleicht, das war alles.

In mir sah es jedoch anders aus.

Obwohl die Teilung keine äußeren Folgen hatte, etwa sitzmäßige Trennung der kleinen von der größeren Gruppe – da war dennoch etwas Unheimliches im Gange …

Ohne später eintretende und heutzutage allgemein bekannte Ereignisse, deren Wurzel der Ungeist dieses denkwürdigen Tages war, vorwegnehmen zu wollen – da läutete ein schriller Alarm in mir, weil etwas fühlbar angetastet wurde, was danach nie wieder ganz ins Lot kommen wird: das Gefühl selbstverständlicher Zugehörigkeit.Diese frühe ‘Sonderbehandlung’, die erste Konfrontation mit dem kommenden Schicksal, war eine historische Urstunde meiner Biographie.


Die folgende eindringliche Schilderung des Autors, wie er als Halbjude im Dritten Reich verfolgt und mehrmals von der Gestapo misshandelt wurde und schließlich in einem feuchten Rattenloch überlebte, löst ein Gefühl der Beklemmung aus und nimmt einem den Atem.

Am 14. Februar 1945 sollte sich die energische und überfürsorgliche “jiddische Mamme”, wie Sohn Ralph sie liebevoll bezeichnet, zur Deportation nach Auschwitz einstellen. Der tapferen Freundin Grete Schulz, die die fünfköpfige Familie in einer rattenverseuchten Kellerruine versteckte, und dem Antinazi “Klempner”, der sie mit Essen versorgte, verdanken die Giordanos ihr Überleben. Am 4. Mai 1945 bot sich den britischen Panzersoldaten ein seltsamer Anblick. Auf den Knien rutschend, da fast verhungert und unfähig, aufrecht zu gehen, erreichten fünf lebende Skelette den Bürgersteig, wo sie liegen blieben. Die Haare der Mutter und des Bruders Egon sind in dieser kurzen Zeit grau geworden.

Die Süddeutsche schreibt in ihrer Rezension dazu:

Diese Phase ist die grässlichste. Es handelt sich um ein enges, feuchtes Loch voller Ratten, die Familie muss, oft in absoluter Finsternis, sich tagsüber, während die Nachbarin arbeiten geht, völlig still verhalten. Einer, meist Ralph, muss auch nachts immer wach bleiben, für den Fall, dass der jüngste Bruder wieder schreiend aus seinen Alpträumen fährt oder die Mutter einen ihrer schrecklichen Hustenanfälle erleidet: Dann wirft er sich blitzartig mit einer Decke über den Ruhestörer und erstickt jedes Geräusch.
Tödlich bedroht ist vor allem die reinjüdische Mutter. Ihr Sohn Ralph hat sich tollkühn einen Revolver besorgt, und ausgemacht ist, dass er sie im Fall einer Entdeckung sofort erschießen wird, um ihr die Deportation zu ersparen. Eines Tages sind in der Wohnung der Nachbarin zwei Männerstimmen zu hören, gleich darauf ertönt aus ihrer Kehle ein Schrei; zweifellos sind sie entdeckt. Die Mutter hält den Hals hin, der Sohn schiebt das Haar beiseite und setzt die Waffe an – da kommt die Nachbarin hereingestürzt: Es ist bloß ihr Mann an der Front gefallen, diese Nachricht hat sie gerade erhalten und deswegen geschrien; eben noch wird der Schuss vermieden. Die Szene ist darum so entsetzlich, weil sie eine so ungeheure Erleichterung bewirkt.

Der Sohn besorgt sich eine Pistole, um die geliebte Mutter rechtzeitig töten zu können. Unfassbar.

Danach beschreibt er seine Jahre nach der Befreiung und seinen weiteren Werdegang. Er klagt die Bundesrepublik an, verurteilt deren Janusköpfigkeit (bzgl. des Gerichtsverfahren Strauß gegen ihn wegen der Bezeichnung Strauß als “Zwangsdemokrat”) und setzt sich mit sehr vielen innen- und außenpolitischen Themen auseinander.

So auch mit der Massenvernichtung in Armenien.

Mehr und mehr steigert sich Giordano dann meiner Meinung nach zu einem Moralisten, der vehement seine Meinung verteidigt und anderen Ansichten keinen Raum läßt. Dies gipfelt in seiner Beurteilung des Krieges der Amerikaner gegen den Irak, zu dem er schreibt:

Dennoch packt mich die Wut, wenn die Kriegshasser mit dem Argument kommen, die These von den Massenverichtungsmitteln als Rechtfertigung für den ersten Angriff auf Bagdad sei eine Lüge gewesen. Dazu erstens: Es bedurfte keiner chemischen und biologischen Waffen in den Händen Sadams, um ihn von seinem Thron zu fegen und ihn ein für allemal zu entmachen – der Hinweis auf seine blutige Herrschaft genügt dazu vollkommen. Und zweitens: Es gab durchaus ein solches “Massenvernichtungsmittel”, und zwar in der Gestalt dieses Oberhenkers und Erzschurken selbst. Oder ist Mord an zweihunderttausend Irakern etwa keine Massenvernichtung?

Nein, Amerika hat nicht nur dieses eine, das CIA-, Vietnam- und Irak-Gesicht, das immer wieder angeprangert wird – es hat viele Gesichter.
Für mich bedeutet Amerika Licht, Weite, Verheißung.


Spätestens an dieser Stelle bin ich aus dem Buch ausgestiegen und habe es nur widerwillig bis zum Ende gelesen. (Zitat S. 520 von 553).

Giordano findet hier eine Rechtfertigung für einen Krieg, für den es keine Rechtfertigung gibt. Den Amerikanern war es bekannt – wie auch der übrigen Welt- welche Zustände im Irak herrschten. Gefunden wurde ein anderer “Grund”, den es nicht gibt. Rechtfertigt dies diesen öligen Krieg.

Und kann man mit dieser “Rechtfertigung” nicht weitere Kriege beginnen?

Das Buch beginnt beklemmend und endet schal. Es gibt für nichts eine Rechtfertigung und es gibt auch keine Vergeltung für das begangene Unrecht.

Dennoch ist das Buch lesenswert.

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