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Amokläufe – eine Medienkritik

12. März 2009 | Von Ernie Souchak | Kategorie: Medien

medienrummel

Der furchtbare Amoklauf von Winnenden wird für reichliche Diskussionen, Einschaltquoten und Auflagen sogen, da bin ich mir ganz sicher. Etliche Experten, Psychologen, Sozialarbeiter, Politiker und Menschen, die sowieso zu allem und jedem etwas zu sagen haben, werden in einer nicht aufhören wollenden Flut an medialem Rummel analysieren, schwadronieren und über alle Maßen hinweg Betroffenheit verbreiten. Es wird die Frage nach den Killerspielen, Zombie- und Horrorfilmen, Mobbing durch die Mitschüler, die Lehrer, die Gesellschaft durchgekaut werden. Große und kleine Heldengeschichten müssen erzählt werden, die Niederträchtigkeit der Gesellschaft, die letztendlich dieses Monster erschuf, muss angeprangert werden, mehr oder weniger sinnvolle Maßnahmen, die vor zukünftigen Taten schützen sollen, müssen installiert werden und jeder der etwas auf sich hält muss sein Gesicht in eine Kamera oder über ein Mikrophon halten und seiner Bestürzung freien Lauf lassen.


Kippt irgendwo auf der Autobahn ein Bus mit Senioren um, interessiert das im Vergleich nicht die Bohne. Hier wird nicht auf eine Sonderliveberichterstattung geschaltet oder über teuflische Rennsimulationscomputerspiele, die den Fahrer möglicherweise negativ beeinflusst haben, philosophiert. Es werden auch keine Fernsehpsychologen erklären, dass der Fahrer schon seit seiner Kindheit von allen anderen Verkehrsteilnehmern gemobbt wurde und dadurch in seinen sozialen Kompetenzen beeinträchtigt zu einem Unglücksfahrer mutierte. Es gibt aber auch wirklich keine so gute Story her, wenn 30 Senioren auf dem Weg zurück von einer Wärmedeckenpräsentation unter einem Bus begraben werden.


Dann doch lieber ein Amoklauf. Die Talkshowmannschaften bereiten sich auf schlaflose Wochen vor. In den Zeitungsredaktionen überprüft man, ob wirklich alle Angehörigen ausgiebigst interviewt wurden. Die Fotoabteilungen suchen das erschütterndste Bild oder jedenfalls ein solches, welches die meisten Emotionen transportiert, heraus.


Keiner in dem Medienrummel kommt auf die Idee sich zu fragen, ob er sich nicht selbst an dem nächsten Amoklauf schuldig macht. Denn eines sollte wohl klar sein, auch wenn davon in den Medien nicht gesprochen wird. Der künstlich ins Unermessliche gesteigerte Hype ist ein viel größerer Faktor für Nachahmungstäter als jedes Computerspiel und sei es noch so brutal. Aber zu dieser Einsicht ist man im Medienzirkus nicht fähig. Jetzt gilt es „Quote” zu machen. Eisen schmiedet man, solange es heiß ist.

Die Toten von Winnenden und die Mitschuld der Amok-Industrie

Amoklauf in Winnenden. 15 Menschen hat ein 17.jähriger Massenmörder in einem Blutrausch erschossen, und weitere Menschen verletzt, zum Teil schwer. Die Amok-Industrie erreicht routinemäßg ihre Betriebstemperatur. Wahrhafte Trauer wird gestört.


Die Bundesrepublik ist ein gewaltengeteilter, demokratischer Staat mit Wohlstand und mit verdammt vielen, aber kleinen Fehlern. Und dennoch wird sie vornehmlich von einer Gewalt, die die anderen Gewalten mitreißt, geschunden.


Zu den Gewalten zählen sich selber vornehmlich die Medien, die sich als Oberkontrollinstanz über alle anderen Gewalten, vielleicht mit Ausnahme der Justiz, sehen. Und die Medien sehen ihr Geschäft und noch mehr die Möglichkeit sich wichtig zu tun.


Herausgekommen ist eine Art Totalkollaps-Reaktion auf Busunglücke, Bahnhaverien, Flugzeugstürze und dergleichen. Jährlich sterben – im Gegensatz zu früher – Gott sei Dank nur noch 5000 Menschen auf deutschen Straßen durch tödliche Unfälle. In den Haushalten und in den Arbeitsplätzen sind es mehr. Das Jahr hat, so will es die Sonne oder die Erdumlaufbahn um die Sonne, 365 Tage. So kann man sich leicht ausrechnen, wieviele Menschen durch Unfall täglich sterben und in der Bundesrepublik sind seit ihrem Bestehen auch schon mehr Menschen ermordet worden, als sie nötig sind, um eine Stadt zu einer Großstadt zu machen.


Es sind aber immer nur singuläre Fälle, die meist aus Zufall medial ausgeschlachtet werden. Natürlich nach dem Motto von Mitleid und Aufklärung. Amokläufe bringen das Medienfass zum Überlaufen und reißen die Politik, die Institutionen und auch die medialen Institutionen mit in einen widerwärtigen Betroffenheitssumpf. Gottesdienste mit vielen Prominenzen und sich vor den Kameras in den Armen liegende weinende Teenager: die kamerabewaffneten Voyeuristen zerstören jedes authentische Gefühl.


Mitgefühl mit den Ermordeten und Hilfe für die Angehörigen und Freunde der Opfer sieht anders aus


Wer Revue passieren lässt, was der Amokfall von Erfurt an Reaktionen von der Staatsspitze bis hinunter zum kleinsten Bürger an Reaktionen ausgelöst hat, der kann ernsthaft nicht darüber hinweg sehen, dass dieser Veröffentlichungshorror mindestens eine Conditio für den Amoklauf von Winnenden gewesen ist.


Die nimmer endende Motivsuche (wie konnte aus einem netten Jungen ein Amokläufer werden?), die Frage nach Begründungen, die ewigen Psychologen und Seelsorger, die sich gern interviewen lassen. Menschen, die ihrem Helfersyndrom frönen und sicher auch Menschen, die aus lauteren Motiven in dem Wahnsinnskarussell, das Amokläufer in Gang setzen, mit drehen. Sie alle wirken kontraproduktiv.


Stille Trauer, tätige Hilfe und vernünftige Bewertungen und Konzepte sind gefragt. Film-und Bild-Reporter sollten es sich verkneifen die Puscher-Funktion zu übernehmen und gnadenlos drauf zu halten, auf echte Tränen und auf Tränen, die keine Chance mehr haben echt zu sein.


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17 Kommentare
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  1. Diese sehr ueble Geschichte ist sicher wieder eine Moeglichkeit das Volk von den andern gewaltigen Problemen des Landes abzulenken.

  2. In den 70ern geisterte mal die “klammheimliche Freude” durch die Medien und durch die Gerichte, hinter vorgehaltener Hand freute sich der Linke Mist über jedes Terroropfer.

    Analog dazu scheint mir heute eine “klammheimliche Erleichterung” zu herrschen, da es sich um einen deutschen Täter ohne Migrationshintergrund handelt.

    Da sind alle mit Dackelaugen und bewegter Stimme gleich in der Lage, endgültige und dauerhafte Verbesserungsvorschläge zu machen.

    Ja da hat der Dingo Recht, die Islamkritiker haben erst mal Pause, es ist nicht die Zeit, eigene Versäumnisse und Verfehlungen einzuräumen, die Wahnsinnstat überlagert alles!

  3. @selberallein

    Lies mal bitte hier nach, dann fällt Dir einiges auf:

    http://karleduardskanal.wordpress.com/2009/03/12/schwer-enttauscht/

  4. Ich möchte mich nicht für den Tip bedanken, es ist einfach ungeheuerlich, dass ich eine Idee und ein Empfinden äussere und die Realität überholt michch auf der Autobahn der Scheinheiligkeit.

    Mir reichts für heute.

  5. Bedank Dich bei Karl, der allerdings einen exzellenten Artikel dazu geschrieben hat.

  6. Habe es gelesen, Danke Karl!

    Ich kann mich nicht beruhigen, das ist so was von daneben, solange dies Frau in der CDU ist, werde ich nicht mal überlegen dieser Partei meine Stimme zu geben.
    Die schlägt unseren Wolfgang um Längen!

    Ob das schon ihre Bewerbung als nächste Innenministerin ist?

  7. [...] Amokläufe – eine Medienkritik « homo homini lupus [...]

  8. Diese Frau “geiert” doch noch mehr, als die Medien. Wäre das nicht ein schöner Aufhänger gewesen: Amokläufer erschießt Kinder mit Migrationshintergrund.

    Da geht einem doch das Mannichl-Messer in der Hose auf.

    Man meint immer, die Stimmungsmache kommt durch die Presse – nein, die Politiker machen es gezielt.

    Und verdammt noch mal: Es ist völlig egal, was für ein Kind gestorben ist. Es ist sinnlos gestorben und es ist jetzt nicht mehr da. Dies allein ist doch schlimm genug.

  9. ich verstehe gar nicht, wieso noch kein politiker nach einem verbot für amokläufe gerufen hat! das bietet sich doch jetzt geradezu an!

    v.

  10. vielleicht sollte man auch marathonläufe und kartoffelauf- und zuläufe verbieten. das sind eventuell vorläufer. da könnte herr pfeiffer mal forschen …

  11. Resolution an die Bundesregierung: Über Folter zu reden muß möglich sein

    http://antifo.wordpress.com/2009/03/12/uber-folter-zu-reden-mus-moglich-sein/

  12. Hab früher mal Strategiespiele gespielt und frage mich ganz besorgt, warum es mir noch nicht einmal in den Sinn gekommen ist, ein Dorfzentrum zu bauen, Bauern zu rekrutieren, Kasernen zu errichten, Soldaten auszubilden und über die Nachbarländer herzufallen. Das wäre doch wirklich gefährlich!

  13. Spiegel-Umfrage: Israel-kritische Uno-Konferenz boykottieren

    http://antifo.wordpress.com/2009/03/13/spiegel-umfrage-israel-kritische-uno-konferenz-boykottieren/

  14. @ Karl

    Du solltest dies nicht öffentlich äußern. Der Stachel der Agression schlummert garantiert in Dir, ich zeige mich besorgt.

    BTW:

    Ausgehend von Deinem Artikel habe ich gestern Abend Böhmer angeschrieben und heute den nachfolgenden Pauschalplatzantwortbrief bekommen:

    Sehr geehrter ….,

    Ihre Mail ist eingegangen.
    Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Böhmer, ist wegen des schrecklichen Verbrechens in Winnenden tief erschüttert. Ihr und unser Mitgefühl gilt den Angehörigen aller Opfer der gestrigen Gewalttat, einheimischer wie zugewanderter Menschen. Wie bei schweren Unglücken und Verbrechen, insbesondere wenn viele Opfer zu beklagen sind, unverzichtbar, hat sich die Integrationsbeauftragte im Kontakt mit den örtlichen Sicherheitsbehörden über den Ermittlungsstand unterrichten lassen. In diesem Zusammenhang ist die Frage zu verstehen, ob auch Migranten unter den Opfern sind und Hinweise auf einen rassistischen Hintergrund vorliegen. Dies ist nach jetzigem Ermittlungsstand nicht der Fall.

    Mit freundlichen Grüßen

  15. [...] homo homini lupus: Amokläufe – eine Medienkritik [...]

  16. @quadraturacirculi

    Ah, sehr schön. Du glaubst also noch an die Macht, ihrem Mitarbeiterstab Briefe zu schicken. Das ist sehr löblich. Ich denke mir Frau Böhmer wird täglich viele Briefe erhalten und natürlich liest sie die nicht selbst, sonst würde sie ja gar nicht mehr zum Integrieren, Migrieren oder Flüchten kommen. Sondern die bekommen ihre Mitarbeiter zu lesen und dann gibt es so Antwortbriefe mit Textbausteinen. Und vielleicht, wenn Frau Böhmer mal zum Verschnaufen kommt, dann fragt sie, was in der Post war. Und dann gibt es die Zusammenfassung, wie bei Plasberg, man will ja die Chefin bei Laune halten, die schwer geschundene Frau. Also wird viel Zustimmendes berichtet oder von Bittgesuchen oder Einladungen und nebenbei, “ach, da waren auch wieder Briefe dabei, die Ihre Frage nach den toten Migranten in den falschen Hals bekommen haben aber das kennen Sie ja…” Und dann geht der Tag weiter mit Migrieren, Integrieren und Flüchten.
    Ich hab so etwas aufgegeben. Aber Danke.

  17. [...] Blog homo homini lupus setzt sich bereits am Tag nach der Tat kritisch mit den typischen Reflexen der Branche auseinander: [...]

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