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Christa Wolf, die Stasi und die besondere Kunst der Realitätsverdrängung

22. April 2009 | Von quadraturacirculi | Kategorie: Medien

Eine Antwort auf die Frage, wer für die Staatssicherheit tätig war und aus welcher Motivation heraus, liefert nachfolgendes Interview mit Christa Wolf, das exemplarisch verwendet werden kann. Wer diesen Eintrag nicht lesen will, dem gebe ich die Antwort vorweg:

Niemand arbeitete für die Stasi, niemand wollte sie, niemand hat etwas gewusst. Hervorhebungen/Anmerkungen im Interview sind vom Autor dieses Eintrags:

Frage Gero von Boehm:

Nach der Wende stellte sich heraus, dass auch Sie inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi gewesen waren, als „Magarethe”. Ein Riesenschock für die meisten Menschen. War es auch für Sie ein Schock?

(Man beachte die Fragestellung; diese klingt fast danach, als habe Christa Wolf zufällig von einer Krebserkrankung oder einem Hirntumor erfahren.)

Antwort  Christa Wolf:

Es war ein Schock, weil ich es nicht wusste. Die haben mich geführt, ohne dass ich es wusste, ich habe ja nichts unterschrieben.

(Man kann festhalten: 1. CW wusste nicht, dass sie Stasimitarbeiterin war, dies ist einfach so passiert. Ein besonderes Massenphänomen, das besonders bei Kindern anzutreffen ist. Die Lieblingsvase, das Geschenk der  geliebten Schwiegermutter, liegt in Scherben und auf die Frage, wie das passiert sei, kommt ein: von ganz allein.

Zur weiteren Bekräftigung wird dann typisch deutsch angeführt, dass man ja nichts unterschrieben habe. Das gesprochene Wort hat keine Bedeutung, es gilt nur, was schwarz auf weis belegbar ist.)

Frage Gero von Boehm:

Angeblich haben Sie 1958 eine Verpflichtungserklärung unterschrieben…

Antwort Christa Wolf:

Nein, das stimmt nicht. Aber natürlich: es war ein Schock und hat mich beschäftigt, es war eine ganz, ganz schwere Belastung für die lange Zeit. Übrigens auch in den USA, wo ich zu der Zeit gerade war. Es war insofern ganz gut, dass dort viele Leute die Sache aus der Entfernung etwas weniger hysterisch sahen und dass man sehr vernünftig und offen mit ihnen reden konnte. Ich habe dann mit der Zeit  etwas Abstand dazu gewonnen. Und habe mich auch sehr gefragt, warum ich es vollkommen vergessen hatte. Auch einen befreundeten Psychoanalytiker habe ich gefragt, ob das eine typische Verdrängung sei. Er sagte: „Na ja, kann sein, aber es kann auch sein, dass es Ihnen gar nicht so wichtig war.” Es war ja auch nur kurze Zeit, und ich habe ja keinerlei Sachen gemacht und mich dann ziemlich schnell rausgezogen.

(Wolf verneint die Frage auf die Verpflichtungserklärung und ändert das Thema, ohne das von Boehm eine Rückfrage stellt. Während Wolf eine Frage davor noch sagt, dass sie ohne Wissen geführt worden ist, argumentiert sie jetzt mit Verdrängung. Genau kann sie sich allerdings daran erinnern, dass sie nichts gemacht hat und sich auch schnell wieder rausgezogen hat.

Bemerkenswert ist auch die Aussage: „...das dort viele Leute die Sache aus der Entfernung etwas weniger hysterisch sahen und man vernünftiger…”. Dies wertet nämlich den Aufschrei, der hier erfolgte, als die Stasimitarbeit von Wolf bekannt wurde.)

Frage Gero von Boehm:

Sie haben zumindest nichts Negatives über Menschen berichtet. Aber ich frage mich: Was ist das für ein Schritt, den man geht, überhaupt über andere Menschen und ihr Privatleben zu berichten?

(Vielleicht hätte sich von Boehm an dieser Stelle mal fragen sollen, warum er überhaupt Journalist geworden ist. Wolf widerspricht sich innerhalb von wenigen Minuten o f f e n s i c h t l i c h und er fragt nicht nach. Im Gegenteil: er bewertet ihre Tätigkeit dahingehend, dass sie ja „nichts Negatives” berichtet habe. Woher hat er diese Weisheit? „Staatsfeind Nr. 1 hat ganz brav den ganzen Tag Westfernsehen geschaut, Briefe an seine Westverwandtschaft geschrieben und die Karte mit der eingezeichneten Ostsee studiert…” ist auch nichts Negatives.

Die Frage zu den Berichten über Menschen deren Privatleben hätte er sich in dieser schwammigen Form auch sparen können, was macht er jeden Tag? Wo bleibt die Wertung der Stasi, die man auch begrifflich in die Frage legen kann. So z.B.: Was bringt einen Menschen dazu, für die Stasi zu schnüffeln? Nach der Fragestellung von von Boehm erscheint die Stasi eher wie ein Umfrageinstitut, das herausfinden wollte, mit welchen Verbraucherinformationen sie den Konsumenten noch überschütten soll.)

Antwort Christa Wolf:

Aber das habe ich ja nie gewollt, und habe denen gleich gesagt, dass ich das nicht mache. Ich wurde ja in meiner Funktion angesprochen, weil ich bei der „Zeitschrift für neue deutsche Literatur” arbeitete, meine Nachfolgerin wurde auch angesprochen. Für mich war es von Anfang an eine Belastung. Ich wollte das nicht und wusste nicht, wie ich mich herausziehen sollte. Das habe ich aber alles dann erst später in den Akten gefunden. Ich wusste das alles nicht mehr. Ich wusste auch nicht, dass ich mich zwei, dreimal mit ihnen getroffen hatte. Später habe ich mir eine Sache in Erinnerung rufen können, aber die wirkliche Erinnerung ist nie wiedergekommen.

(Von der ausgangs „unwissentlichen Führung” ist das Gespräch, ohne das von Boehm eine Nachfrage für notwendig erachtet, bei direkten Gesprächen mit der Stasi angekommen. Und obwohl sich Wolf an nichts erinnert, denunziert sie ihre Nachfolgerin der der „Zeitschrift für neue Literatur”, ebenfalls Gespräche geführt zu haben. Oder soll dies keine Denunziation darstellen, sondern die Rechtfertigung, dass es ja alle so gemacht haben?)

Realitätsverdrängung auf höchstem Niveau, ein Journalist, der nicht nachfragt und eine Stasi, die eben da war und zur DDR gehörte. Kein Wunder also, dass die Ostnostalgiker nach wie vor Hochkonjunktur haben und die SED/PDS/Linke immer stärker das politische Geschehen der Bundesrepublik beeinflussen kann.

Interview Gero von Boehm für 3sat, Reihe „Gero von Boehm begegnet…”

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5 Kommentare
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  1. Ausgezeichneter Beitrag! Danke! Wirklich komisch, dass plötzlich alle Gedächtnisschwund haben…

  2. 3 SAT …

    lol, ich gucke da öfter kulturzeit, aber fast immer mit abgedrehtem ton. diesen extremen linksfunk kann man nur mit absolut schalldichten ohrenstöpseln ertragen. vielleicht mag ich auch diese lustig ernsthaft-angestrengten gesichter dieser lächerlichen augureninnen.

    warum ich die überhaupt einschalte? gute frage!

    vielleicht warte ich darauf, daß da irgendwann mal neue moderatoreninnen abseits des dumpfen stammtischlinksgequatsches erscheinen…..

    vielleicht mag ich auch einfach nur dieses belanglose flimmern im hintergrund, während ich auf PI und F&F lese ….und natürlich hier und bei karl eduard….:-D

  3. Ich möchte nicht den Stab über Christa Wolf brechen.

    Es wurden sicher viele von der Stasi angesprochen: Kampf gegen das Böse, für den Fortschritt, blablabla… Die Anwerber waren bestimmt psychologisch gut geschult, wer nicht Dickköpfig genug war, hat eben unterschrieben, wer noch ein Restgewissen hatte, hat danach keine Beichte geliefert oder nur Nonsens.
    Wenn man ständig bekniet wird, muß man schon eine gewisse Dickköpfigkeit haben und Rückhalt in der Familie. Ich hatte zum Glück beides, als sie mich unbedingt für 25 Jahre zur Armee haben wollten.

    Entscheident ist für mich, ob Berichte an “die Organe” geliefert wurden, die Anderen schadeten.

    Was Leute darüber denken, die diese Zeit in diesem System nicht erlebt haben, ist mir ziemlich egal. Die hätten in dieser Situation sowieso genau gleich reagiert, egal was sie jetzt erzählen. Mit den Maulhelden, die die DDR von innen aufgerollt hätten, sich aber nicht mal trauen, ihrem Chef die Meinung zu sagen, kenne ich mich seit 1990 bestens aus.

    Übrigens: Die Seite hat bei Opera einen Darstellungsfehler. Die Smileys unten sind in einer Reihe angeordnet und gehen so über den rechten Rand hinaus.

  4. ...keine Beichte geliefert…

    Soll natürlich “keine Berichte geliefert” heißen!

  5. @ Vakna

    Erst mal danke für den Hinweis (opera).

    Ich habe die Zeit selbst erlebt, ich glaube deshalb zu wissen, wovon ich schreibe.

    Primär ging es mir um das plötzliche Verdrängen und den “Gedächtnisschwund” zum einen und die mangelnde Nachfrage zum anderen.

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